Rohlinge vor dem Winter: Wie ich frisches Holz im Herbst vor Rissen schütze

Dickwandige, vorgedrehte Kirschholzschalen auf einer Werkbank neben einem Papiersack mit Spänen

In der Nachbarschaft wurde vor ein paar Tagen ein alter Kirschbaum gefällt. Als ich die Stammstücke liegen sah, war mein Samstag verplant. Frisches Holz vom Obstbaum ist für mich jedes Jahr ein kleines Geschenk, und der Herbst ist genau die Zeit, in der in Gärten ausgelichtet und gefällt wird. Ich durfte mir ein paar Stücke mitnehmen, und jetzt liegen sie in der Werkstatt.

Das Problem mit frischem Holz kennt jeder, der schon einmal gedrechselt hat. Es arbeitet. Trocknet es zu schnell, reißt es von den Enden her ein, und aus dem schönsten Stück wird Brennholz. Hier schreibe ich auf, wie ich die Rohlinge dieses Jahr behandle, damit ich im Frühjahr noch weiß, was ich getan habe.

Die ersten Stunden entscheiden

Das Wichtigste passiert sofort. Die Stirnseiten der Stämme verlieren am schnellsten Feuchtigkeit, deshalb versiegle ich sie noch am selben Tag. Ich nehme dafür alte Kerzenreste, die ich im Wasserbad schmelze und dick mit einem Pinsel auftrage. Weißleim oder spezielles Hirnholzwachs funktionieren genauso. Hauptsache, die Enden sind dicht, bevor die Herbstsonne sie austrocknet.

Danach säge ich die Stämme in handliche Längen und spalte sie der Länge nach durch die Mitte. Das Mark ist fast immer der Ausgangspunkt für Risse. Wer es drinlässt, hat bei Schalen später meistens einen Riss genau durch den Boden.

Vorgedrehte Schalen langsam trocknen lassen

Aus den besten Stücken drehe ich gleich Schalen vor. Die Wand lasse ich dabei bewusst dick, als Faustregel etwa ein Zehntel des Durchmessers. So darf sich die Schale beim Trocknen verziehen, und im Frühjahr habe ich noch genug Material, um sie wieder rund zu drehen. Frisches Kirschholz lässt sich übrigens herrlich bearbeiten, die Späne fliegen in langen Bändern von der Schalenröhre.

Für das Trocknen habe ich mir über die Jahre ein paar Regeln angewöhnt:

  • Vorgedrehte Schalen kommen in einen Papiersack mit ihren eigenen Spänen, nie in eine Plastiktüte, sonst schimmeln sie.
  • Die Späne aus der Werkstatt kehre ich nach jedem Drehen auf, weil nasses Holz Feuchtigkeit in den Raum bringt und die Drehbank und die Eisen sonst Flugrost ansetzen. Ein Tropfen Öl auf die Bettbahn hilft zusätzlich.
  • Der Lagerplatz ist kühl und ohne Zugluft, bei mir das untere Regal im Schuppen und nicht neben dem Ofen.
  • Jeder Rohling bekommt mit Bleistift Holzart und Datum auf den Boden geschrieben.
  • Einmal pro Woche wiege ich zwei, drei Stücke. Bleibt das Gewicht über mehrere Wochen gleich, ist das Holz trocken.

Das mit dem Wiegen habe ich lange für übertrieben gehalten. Inzwischen finde ich es beruhigend, weil ich nicht mehr raten muss. Eine einfache Küchenwaage reicht, und in einem kleinen Heft notiere ich die Werte.

Bis die Kirsche fertig trocken ist, wird es dauern. Den Winter über warten also sechs Schalen im Regal, und ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich die erste wieder auf die Bank spanne und sehe, welche Farbe das Holz inzwischen angenommen hat. Kirsche dunkelt mit der Zeit schön nach, das ist jedes Mal eine kleine Überraschung.